im Schwarzwald | Heimat des Bollenhutes

Gelebte Zeitreise im Freilichtmuseum

Bewohnte Szenen in historischen Gebäuden und der Museumsfläche: Viele der bisherigen Aktionen des Schwarzwälder Freilichtmuseums in Gutach waren am Sonntag „konsequent zu Ende gedacht“, erklärte der wissenschaftliche Museumsleiter Thomas Hafen.

 

Mit großen, bunten Lockenwicklern, Trockenhaube und viel Haarspray hatte die Gästeführerin im Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in Gutach, Martina Kronenwitter, und ihre Freundin Gabi Grieshaber ganze Vorarbeit geleistet: Vogelnest und Banane hinterm Haarreif saßen wie betoniert.
Passend zu den 60iger-Jahre-Frisuren: überdimensionierte Plastikohrclips, großgemusterte Schluppenbluse, enger und quietschgelber Rock sowie Lacklederstiefel.

So machten sie sich am Sonntag, 25.09.2022 auf dem Gutacher Museumsgelände zwischen Effringer Schlössle und Falkenhof auf die Suche: „Haben Sie Freddy Quinn gesehen?“ Das angesprochene Idol der Frauen ließ die gefragten Besucher an diesem Tag sofort ins Schwärmen geraten, manche antworteten singend: „Junge, komm bald wieder“. Andere hatten stattdessen Peter Alexander ausgemacht, irgendwo beim Hotzenwaldhaus. Die chicen Frauen verrieten ihre Einkaufsadresse: Quelle-Katalog, dort gebe es neuerdings sogar Hosen für Frauen, informierten sie, lösten ihre ledernen Fotoapparathüllen und bannten die „ungewöhnliche“ Kleidung der Besucher auf 24er-Kodak-Farbfilme.

Das Freilichtmuseum startete am Sonntag das Pilotprojekt „Heimkehr – ein Zeitreise-Projekt“. Erstmals organisiert das Freilichtmuseum eine Veranstaltung nach dem Prinzip „gelebte Geschichte“, dass das Museumsareal mit zahlreichen Gebäuden einbezog. In verschiedene Häuser des Museums zogen Akteure in zeitgenössischer Kleidung ein und erwecken den Anschein, als wären die Häuser noch bewohnt.

Doch nicht nur zum Anschauen, sondern, um sich ent- und verführen und aktiv einladen zu lassen, sich selbst als Teil der Geschichte wahrzunehmen, den Blickwinkel zu ändern und dabei auch von anderen zu deren Geschichte zu lernen.

Lebendig gemacht

„52 Mitarbeiter des Museums machten „Heimkehr“ lebendig“, so Museumsleiter Thomas Hafen auf Nachfrage der Mittelbadischen Presse. Dabei habe das Motto des Projekts mehrere Bedeutungen: Einerseits zeige es in einige Museumshäuser heimgekehrte Bewohner und richte andererseits einen Fokus auf in unterschiedlich Zeiten heimgekehrte Museumsbesucher. Zudem seien auch die Museumskollegen heimgekehrt, denn erstmals seit Beginn der Pandemie durften sie ihre Tätigkeit und Arbeitsbedingungen wie zuvor – ohne Maske – wiederaufnehmen, erklärte er.

Im Vogsbauernhof wirbelte Billy Sum-Herrmann als letzte Bewohnerin Barbara Aberle und versuchte ihre „altledige“ Tochter – „s‘ Mariele“ an den Mann zu bringen. Sie ließ nicht locker und fragte die ausgeguckten vermeintlich guten Partien nach Herkunft, Einkommen und Besitz sowie Beruf und bewertete mit und zum Spaß der Besucher, ob die sich als neue Bauern für den Vogtsbauernhof lohnen würde. Ganz nebenbei vermittelte die Gästeführerin nicht nur Aberles Geschichte, die eng mit den Anfängen des Schwarzwälder Freilichtmuseums verbunden ist, sondern zeigte das Gebäude mit allen Funktionen eines typischen Schwarzwaldhofs, gab Einblicke in Lebensbedingungen einstiger Bewohner und stellte die Gewerke Bollenhut und Schäppelmacherei vor, die dort gezeigt wurden.

Gästeführerin Martina Lehmann alias „Schondelmaier Christi“ Christine Sum schleppte ihren schweren Koffer zurück nach Hause in den Vogtsbauernhof. Dort müsse sie ihren kranken Vater pflegen, berichtete sie und hatte dafür die Hauswirtschaftsschule in Königsfeld abgebrochen.
Lehmann lenkt das Gespräch auf Lebensbedingungen von Frauen in der Zeit der tragischen Geschichte einer der letzten Bewohnerinnen des Vogtsbauernhofs, aber auch auf den aktuellen Pflegefachkräftemangel.

Schnell hatte Hans-Michael Uhl mit der doppeldeutigen Erklärung „wie man den Löffel abgibt“, das Interesse von Besuchern des Hippenseppenhofs geweckt. Dort hatte sich der evangelische Pfarrer alias Martin Luther bewusst in den katholischen Herrgottswinkel der Stube gesetzt. Er suchte das Gespräch mit der Absicht, „Brücken zu schlagen“ und auf eine „Mehrsprachigkeit von Religion“ in überbertragenem Sinne aufmerksam zu machen, was ihm offenbar mit Leichtigkeit gelang. „Wenn man das Leben der Menschen verstehen will, muss man ihre Religiösität verstehen“, so Uhl und meinte damit nicht nur die historischen Figuren, die einst die Gebäude des Freilichtmuseums bewohnten.
Uhl ließ sich ein, auf das, was die Menschen bewegte, verband, was unterbrochen erschien und fand immer auch Bezüge zu vielen ausgestellten Musemsexponaten seines Themenkreises.

Im Wohnhaus von Hermann Schilli, dem Gründer des Gutacher Freilichtmuseums, tauchten die Besucher in die 1980er-Jahre ein. In der Küche schaute man Gästeführerin Brigitte Salzmann in zeitgemäß weißer Sonntagsschürze über die modisch gepolsterte Schulter, wie sie Bowle, Käseigel, Russisch Ei, Kalten Hund und Jamaika-Torte – der Hit unter den Dr.-Oetker- Backmischungen der 80-er – servierte. Der sechsjährige Leon fand das besonders toll. Der Hornberger war mit den Eltern dank einer Familienkarte des Gutacher Museums schon öfter dort. Dass man an diesem Sonntag allerdings überall so ungewöhnliche Gerichte probieren konnte, hatte er bisher noch nicht erlebt. Besonders schmeckte ihm das Restaurationsbrot im Schilli- Haus – eine reichlich und dick mit Wurst belegte Scheibe mit Salzstangen.

Zum Sonntagskaffee

Im Effringer Schlössle trafen sich die vermeintlichen Nachbarn für die Museumsaktion aus den 70-Jahren zum Sonntagskaffee bei Käsekuchen. Die Musikbox spielte Schlager wie „Tränen lügen nicht“, „Barfuß im Regen“ und „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ sowie „Ein Bett im Kornfeld“.
Auch Leon saß wieder am Tisch und kostet diesmal von der grünen Götterspeise. Der von Aberle zuvor präferierte neue Vogtsbauernhof-Bauer für „s‘ Mariele“ schien deren Fängen entkommen und interessierte sich für die Mischung der authentischen Einrichtung aus unterschiedlichen Zeiten. Die Möbel und das mittelalterliche Gebäude selbst, das bis in die 70-er-Jahre bewohnt war, spiegelten dessen ungewöhnliche Geschichte wieder. Altbauer Heiner (Heinrich Diener) wohnte erst seit kurzer Zeit im Leibgedinghäuschen, informierte er die Besucher dort. Er sprach mit Bruder Anton (Alfons Kienzle), der zu Besuch war: „Es kälberlet im Vogtsbauernhof. Das ist nicht mehr mein Geschäft. Soll doch der Jungbauer danach sehen“, grantelte er auf der Bank vor seinem Altenteil-Häuschen. Lieber nahm er das Akkordeon zur Hand, denn Heiner hatte nach der Hofübergabe endlich Zeit für die Musik: „Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal“ und das „Badnerlied“ gehörten zu seinem Repertoire, was viele Zuschauer mitsangen. Mit dem Bruder unterhielt er sich über vergangene Zeiten, übers „Mädleschmecken“ und wilde Besuche im Wirtshaus.
Wie es in letzteren zugegangen sein könnte, erfuhren die Besucher im Tagelöhnerhaus bei der Cego-Runde. Dort war von Stieß – dem Höchsten, von Leeren und Trümpfen die Rede. Die sechs Spieler des für den Schwarzwald typischen Kartenspiels, saßen um den Tisch in der winzigen Stube und spielten in „Schlagrichtung“ – entgegen des gewöhnlichen Uhrzeigersinns. „Wir hatten heute schon Mitspieler, die gar nicht so schlecht waren“, freute sich die einzige Cego-Spielerin der ansonsten männlichen Spieler aus Hausach über das Interesse der Besucher am Spieltisch.

Das Geräusch von klappernden Perlen in Holzschachteln, die die Kinder am Eingang für vier Euro erstanden hatten, war am Sonntag auf dem ganzen Museumsgelände allgegenwärtig. Damit liefen die jüngsten Museumsbesucher von Aktion zu Aktion. Eifrig tauschten sie Waren gegen Perlen, feilschten um die Preise, verdienten beim Wäschestampfen, Äpfelauflesen und Backbretter schrubben welche dazu und erfuhren dabei etwas zum Alltag der Menschen vergangener Tage.

Der Störhandwerker – ein Fachmann außerhalb der Zünfte, der diese deshalb auch „störte“ – zog von Hof zu Hof und bot seine Dienste an. Er nahm die Besucher mit und zeigte seinen Alltag im 18.  Jahrhundert, ebenso wie andere Gewerke beispielsweise die Korbflechter, Bürstenbinder, Weber, Strohschumacher und Schnapsbrenner.

Zum Abschluss des Pilotprojekts gab es noch eine „Stillezeit“ im Hippenseppenhof, bei der mit geistlichen Impulsen des Museumspfarrers vor der Hopfkapelle der Tag Revue passierte.

Martina Baumgartner

Passend zu den 60iger-Jahre-Frisuren: überdimensionierte Plastikohrclips, großgemusterte Schluppenbluse, enger und quietschgelber Rock sowie Lacklederstiefel, typische Taschen und Jacken.

Auch der obligatorische Käseigel durfte natürlich nicht fehlen!

Billy Sum-Herrmann als letzte Bewohnerin Barbara Aberle.