im Schwarzwald | Heimat des Bollenhutes

Ein Leben ohne Kolbenfresser

EC-MOT ist seit dreißig Jahren mit Jesus auf Motorrädern unterwegs. Mehr als hundert Motorradfahrer haben am Sonntag, 26.07.2020 den Gottesdienst gemeinsam mit Gutachern beim Landgasthaus Engel unter freiem Himmel begangen.

Die Gläubigen gaben ein buntes Bild ab mit Bikern in Motorradkluft und sonntäglich gekleideten Einheimischen. In seinem Willkommensgruß ging Christian Kimmich, Leiter von EC-MOT, kurz auf die derzeitige Debatte um den Motorradlärm ein. „Es gibt solche und solche Motorradfahrer,“ stellte Kimmich Pauschalurteile infrage. Gemeinsam mit der Initiative Motorrad und Kirche (MuK) sei ein Positionspapier zum Motorradlärm veröffentlicht worden, in dem sich die Initiatoren mit lärmgeplagten Anwohnern solidarisch erklären. „Wir engagieren uns für ein gutes Miteinander,“ betonte der Pastor. Aufgrund der behördlichen Lockerungen hinsichtlich der Corona-Pandemie könne nun ein zweiter Motorradfahrer-Gottesdienst im Jubiläumsjahr abgehalten werden. „Wir freuen uns über die Lockerungen, nehmen sie aber nicht locker,“ verwies Kimmich auf unter anderem einzuhaltende Sicherheitsabstände. Besondere Freude bereitete es Kimmich, den Wunsch einer Seniorin erfüllen zu können. „Carola fährt kein Motorrad sondern einen Rollator und sie wünschte sich, zwischen zwei richtigen Biker zu sitzen,“ verriet Kimmich und gerne platzierten sich rechts und links der Dame gestandene Motorrad-Ritter. Hausherr Samuel Reichert, freute sich sehr darüber, dass auch viele Gutacher gekommen waren und begrüßte stellvertretend Bürgermeister Siegfried Eckert und Pfarrer Dominik Wille. Letzterer war stilgerecht mit dem Moped, einer Zündapp Baujahr 1968, zum Gottesdienst getuckert. Der Oldtimer stand selbstbewusst zwischen den Maschinen von Engelwirt Reichert, einem XXL-Tourer von Honda und der eleganten Cagiva Navigator von Kimmich. „Cool, so viele Leute,“ freute sich Pastor Bengt Riedel, der aus dem Pfinztal bei Karlsruhe gekommen war. In seiner Predigt ging er auf Grenzerfahrungen in Corona-Zeiten und den Umgang mit der limitierten Lebenszeit ein. Die einen entscheiden vielleicht dem Lebensmotto „carpe diem“ (nutze den Tag) nachzueifern und andere leben eher dem heutigen Zeitgeist „yolo“ (you only live once - du lebst nur einmal) entsprechend. „Kette geben und für den nächsten Adrenalinschub leben oder jeden gefahrenen Kilometer pro Stunde auskosten?“ war eine seiner verwendeten Metaphern im Biker-Jargon. Die große Mehrzahl verdränge das Limit, das dem Menschen gesetzt sei. Alt werden nur die anderen, meinte Riedel und fügte freimütig hinzu, dass für ihn mit seinen 27 Jahren dieses Thema ebenfalls in weiter Ferne liege. Doch auch, wenn der Drehzahlmesser übertüncht werde und der Tacho auf Null stehen bleibe, ändere dies nichts an der Begrenztheit der Lebenszeit. „Jesus will, dass wir ein Leben ohne Kolbenfresser führen, weise die Kupplung ziehen, den Gang einlegen und durchziehen – Amen,“ fand der junge Pastor starke Bilder. Riedel wird Anfang nächsten Jahres mit seiner Frau nach Malawi gehen und dort unter anderem mit Jugendlichen arbeiten. Die Hälfte der Kollekte des Gottesdienstes war für ihn und seine neue Aufgabe bestimmt. Die andere Hälfte verwendet Bernhard Schreiber vom Verein „Women For Women“ für das gleichnamige Projekt, das in Kenia alleinstehenden Frauen durch Bereitstellung einer Milchkuh eine Lebensgrundlage schafft. Schreiber war Teil des Duos „Bene und Bettina“. Die beiden hatten den Gottesdienst mit Gitarre und Gesang wunderbar musikalisch umrahmt. Die kulinarische Versorgung mit warmem Mittagessen durch den Engel erfolgte auf Spendenbasis. Die Spenden kommen laut Reichert nach Abzug der Unkosten ebenfalls den beiden Projekten zugute.

Organisatorisch ist der EC-MOT ein überregionaler Arbeitskreis, der den EC-Jugendverbänden in Baden-Württemberg angegliedert ist. Der EC arbeitet unter dem Dach der evangelischen Kirche, ist in der Praxis jedoch überkonfessionell. EC steht für „Entschieden für Christus“

Evelyn Jehle, Schwarzwälder Bote

Der Wunsch von Frau Carola Waidele zwischen zwei „echten Bikern“ zu sitzen wurde von Heinz und Patrick Wölfle gern erfüllt. Für das Foto nahmen die Biker kurz ihre Masken ab.

Viele Motorradfahrer haben am Sonntag, 26.07.2020 einen Gottesdienst gemeinsam mit Gutachern unter freiem Himmel begangen.