im Schwarzwald | Heimat des Bollenhutes

"Rössle" galoppiert bald wieder

Zwei Investoren vom Bodensee haben am Freitagnachmittag das Gutacher Traditionsgasthaus gekauft. Sie planen nach der „Ertüchtigung“ die Neueröffnung fürs Frühjahr 2021.

Das ging schnell. Und es zeigt, was ein gutes Netzwerk zu bewirken vermag. Ende Mai wurde bekannt, dass das Gutacher Traditionsgasthaus „Rössle“ direkt an der B33 im Obertal nicht mehr öffnen darf, und dass es deshalb nach eineinhalb Jahren schon wieder zum Verkauf steht. Und nicht einmal zwei Monate später wird der Kaufvertrag unterschrieben. Vermittler war der Projektmanager Adi Kreft vom Bodensee, der mit Gutach unter anderem schon wegen der Baumhotels in Verbindung stand und der Günter Hehl auf das Verkaufsobjekt „Rössle“ aufmerksam machte.

„Da fahren wir mal hin“, beschloss Günter Hehl und nahm seinen Freund Mathias Tonigold mit. Günter Hehl ist Geschäftsführer der „See-EffektImmobilien“ bei Meersburg, die unter anderem auch eine ganze Reihe exklusiver Ferienwohnungen am Bodensee vermietet. Mathias Tonigold ist Finanzberater einer Bausparkasse in Konstanz. Beiden gefiel das „Rössle“ auf Anhieb. „Ich komme selbst aus einer Gastrofamilie und habe einige Erfahrung“, sagt Hehl. Die Lage des Gasthauses sei sehr gut, und es verfüge auch über eine gute Substanz. „Die Gründe, warum es nicht lief sind ja bekannt“.

Er kaufte am Freitagnachmittag, 24.07.2020 das „Rössle“ nicht über seine Firma, sondern gemeinsam mit Mathias Tonigold privat. Die beiden wollen das Gasthaus „zunächst einmal ertüchtigen“. Das heißt, vor allem die Zimmer sanieren und die Bäder erneuern, und auch außen sei einiges zu tun. Die Übergabe sei für September geplant. Die Sanierung der Zimmer brauche einige Monate, dafür soll der Winter genutzt werden, der in Gutach ohnehin keine Saison habe. Sie hätten auch bereits einen Pächter an der Hand, der das Gasthaus betreiben könnte, sagte Hehl im Gespräch mit dem Offenburger Tageblatt.

Es böte sich an, zweigleisig zu fahren: Im eigentlichen Gasthaus ein klassisches Restaurant mit gut bürgerlicher Küche, für den Raum im Erdgeschoss zur B33 könne er sich verschiedene Konstellationen vorstellen. Hier war in der Vergangenheit bereits ein Kunstgewerbegeschäft angesiedelt, Jochen Scherzinger nutzte es einige Monate als Ausstellungs- und Verkaufsraum, und der letzte Wirt versuchte vergeblich, dort einen Schnellimbiss zu etablieren. Günter Hehl könnte sich dort direkt an der B33 und neben dem Adventuregolf-Park eine Art Bauernmarkt mit Café vorstellen. Schwarzwälder Produkte, eventuell ergänzt um Bodensee-Obst und kleine Snacks im Straßenverkauf, möglicherweise mit autarkem Pächter, aber „keine Konkurrenz im eigenen Haus“. An dem Konzept werde man noch feilen. Auch eine E-Tankstelle müsse für so ein Haus heute Standard sein, damit während des Besuchs im Gasthaus das Auto wieder aufgetankt werden kann. Vor einigen Jahren war die Gutacher Gastronomie in höchster Gefahr. Der „Engel“- Wirt war insolvent, der Wirt der „Krone“ hörte altershalber auf, die „Linde“ musste schließen, der „Rössle“-Wirt starb an einem Unfall. Bürgermeister Siegfried Eckert machte den Neuaufbau der Gastronomie zur Chefsache, weil sie auch für den Tourismus im Ort eine immense Bedeutung habe. Und nun ist er glücklich, dass alles wieder in guten Bahnen läuft. Ziyad Shayoota sorgt seit genau zwei Jahren dafür, dass es mit der „Krone“ noch ein gutes Gasthaus in der Ortsmitte gibt, der „Engel“ sei mit Samuel Reichert ebenfalls in guten Händen, bei den zwei „bodenständigen Fachmännern“ vom Bodensee, die am Freitag das „Rössle“ kauften, habe er dieses Mal ein sehr gutes Gefühl, und in der Gemeinderatssitzung am 12. August wird Wolfgang Scheidtweiler seine Pläne für die „Linde“ vorstellen, so Eckert.

Rössle-Geschichte(n)

Ende der 1960er-Jahre pachteten Metzgermeister Willi Hartmann und seine Frau Gisela das „Rössle“, das zuvor Besitzerin Emma Lehmann selbst bewirtschaftet hatte. Später kauften sie das Gasthaus, zu dem auch eine größere Landwirtschaft gehörte. 1982 wurde der Ökonomieteil abgerissen, im Erdgeschoss ein Ladengeschäft und im Obergeschoss Gästezimmer gebaut. 1998 entstand auf der Südseite die Terrasse. 33 Jahre lang betrieben die Hartmanns als „erster Nicht-Gutacher Wirtsleute“, das „Rössle“, bis sie es altershalber an Roland und Margot Vogt verkauften. 2009 starb Roland Vogt an einem Unfall. Im April übernahm es Familie Gasche. Auch Axel Gasche starb 2015 an einem Unfall. Ewald und Nicole Armbruster kauften das Gasthaus im Oktober 2018 und feierten im Januar 2019 Eröffnung. Ein gutes Jahr später musste das Gasthaus zunächst wegen Corona schließen. Es blieb geschlossen, weil das Landratsamt den Wirtsleuten die Konzession entzogen hatte. Die neuen Käufer Günter Hehl und Mathias Tonigold wollen das „Rössle“ sanieren und im Frühjahr 2021 wieder eröffnen.

Claudia Ramsteiner, Offenburger Tageblatt

Günter Hehl (rechts) und Mathias Tonigold vom Bodensee sehen im „Rössle“ im Gutacher Obertal gutes Potenzial. Sie wollen das Gasthaus über den Winter „ertüchtigen“ und vor allem die Zimmer sanieren.