im Schwarzwald | Heimat des Bollenhutes

„Ungeschminkt“

Neue Werke der Gutacher Malerkolonie im Kunstmuseum / Einführungsansprache zum Nachlesen

„Ungeschminkt“ haben wir, die Gutacher Malerkolonie, uns als Thema gestellt – und ich will Ihnen ungeschminkt, also unverblümt, ohne Beschönigung die ungeschminkte Wahrheit sagen, wie der Duden das Wort definiert, Ihnen also das aufzeigen, was dahinter steckt.

Die übertragene Bedeutung von ungeschminkt ist abgeleitet vom Bild einer Person, die sich entweder gerade abgeschminkt hat, sprich vorher schon geschminkt war, oder andererseits sich erst zu schminken gedenkt. Ich zeige Ihnen das an einem Beispiel, einem Gedicht, „Eine zierliche junge Nymphe geht zu Bett. Geschrieben zur Ehre des schönen Geschlechts“: Es stammt von Jonathan Swift, der Ihnen vielleicht als Autor von Gulliver’s Travels bekannt ist. Es geht um ein Pflasterhürlein des 18. Jahrhunderts, das Swift genüsslich satirisch auf den Arm nimmt.

Kein Kerl im Suff, der sie begehrte,
Keine Kneipe, die auf Pump sie nährte –
So steigt sie nun zur Mitternacht
Vier Stufen hoch ins Lustgemach.
Dort nimmt sie, dreibeinig bestuhlt,
Die Haare ab, von Kunst gespult;
Fingert heraus das Auge aus Glas,
Poliert es fein und legt es ab;
Zieht dann die feine Mäusehaut,
Die beidseitig sie schon bebraut,
Sorgfältig ab, bewundert sie zunächst,
Und presst sie dann in einen Lustspieltext.
Nun greift sie nach dem Bäuschchen tiefer,
Die ihr die Leere fülln im Kiefer;
Löst einen Draht, und, sieh da, prompt,
Ihr Beißwerkzeug vom Gaumen kommt;
Reißt aus der Fetzenwust, die Stütze
Der schlaffen Zitzen, die nun stürzen.
Als nächstes löst die Göttliche adrett
Ihr stahlgepanzertes Korsett
Das dank des Ingenieurs Geschick
Hohlräume drückt und Schwellungen füllt.
Ein Griff genügt und ihr entgleitet
Das Polster, das die Hüfte weitet.

und so weiter … Sie sehen, schminken ist nichts Neues. Wenn man ehrlich ist, macht es, wie die Kosmetik, zu der es gehört, wohl den Menschen im Unterschied zum Tier aus. Es hat etwas mit dem Wunsch nach Verkleidung zu tun, mit dem Wunsch, jemand zu sein, der man nicht ist – aber gern wäre. Die Fasentsnarren können ein Lied davon singen. Wissenschaftler meinen, dass das Schminken bis in vorgeschichtliche Zeit zurückgeht, in die Sphären von Schamanentum, Religion und auch Krieg, etwa die Kriegsbemalung wie bei den Indianern. Und im heutigen 21. Jahrhundert, mit den ungeheuren, nicht nur technischen Möglichkeiten, ist das Verhältnis von geschminkt-ungeschminkt wahrscheinlich mehr denn je zum Geschminktsein hin verlagert. (Fortsetzung folgt)

Wendelinus Wurth


Info: Die Ausstellung der Gutacher Malerkolonie „ungeschminkt“ ist vom 15. September bis zum 27. Oktober 2019 im Kunstmuseum Hasemann-Liebich, Kirchstraße 4 in Gutach zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs, sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr. Weitere Informationen und Programm: www.kunstmuseum-hasemann-liebich.de

„Lust-Locken“, von Dorota Petrov