im Schwarzwald | Heimat des Bollenhutes

„Ungeschminkt“

Neue Werke der Gutacher Malerkolonie im Kunstmuseum / Einführungsansprache zum Nachlesen

„Denken Sie nur daran, dass mittlerweile immer mehr Männer sich schminken – und nicht nur Soldaten, die versuchen über das Bemalen des Gesichts mit der Natur zu verschmelzen – sondern dass es sogar Fußballstars gibt, die in der Halbzeitpause nichts Besseres zu tun haben, als eine neue Frisur machen zu lassen. Denken Sie an die vielen Parfüme, mit denen es immer schwieriger wird, herauszufinden, ob man jemanden riechen kann. Denken Sie an die Verzierungen der Haut, die von kleinen Tätowierungen – auch schon Ötzi! – bis zum Ganzkörpertattoo reichen können. Denken Sie an Piercings, vor allem im Gesicht, aber auch an anderen möglichen und unmöglichen Körperstellen.

„Und das ganz normale Schminken beherrschen mittlerweile schon Vorschulkinder… Wenn man dann einmal einen mehr als 50-teiligen Schminkkoffer sieht, dann dient das wohl nicht nur dem Reparieren – etwa dem Abdecken von Pickeln oder anderen Hautunreinheiten – oder dem Highlighten – also dem Herausstellen von besonderen Aspekten – sondern wir bewegen uns schon im Bereich der Kunst, mit der sich die Utensilien ja teilweise decken: Farben, Pinsel und so weiter. Der neuste Trend, so sagt die Freundin meines Sohnes, sei, sich so zu schminken, dass man in der Masse untergeht. Andererseits ist es dann auch kein Wunder, dass bisweilen das Schminken ordentlich schiefgeht, wenn das rechte Maß überschritten wird und die Schminke so dick aufgetragen wird, dass sie einer Maske ähnelt. Der maßvolle Umgang mit Schminke will auch gelernt sein – denn noch ist kein Künstler/keine Künstlerin vom Himmel gefallen …

„Jedenfalls ist die Trennlinie zwischen jemand sein zu wollen, der man nicht ist, oder schöner sein zu wollen, als man ist – nicht sehr scharf. Vielleicht deutet dieser Trieb des sich Verschönern-Wollens auch darauf hin, dass wir uns zunehmend unwohl fühlen in der Welt, so wie wir sie uns selbst geschaffen haben – mit dem perfekt manipulierten Werbepersonal, an dem man sich bewusst oder unbewusst anzupassen sucht. Und Instagram und andere Web-Dienste bearbeiten Bilder schon automatisch mit Filtern, damit das „Optimale“ – was immer das sein mag – dabei herauskommt.

„Und nicht vergessen wollen wir auch die Politiker und Demagogen, die um der Macht und der Gefallsucht willen schminken, was das Zeug hält – alternative facts heißt das dann zum Beispiel. Und das ist dann so geschminkt, dass aus dem Wort Fakten das glatte Gegenteil wird.

„Womit wir wieder mitten im Thema sind. Ungeschminkt ist das Gegenteil von geschminkt. Also nackte Tatsachen, harte Fakten, keine alternativen Fakten. Und das ist nun wirklich ein altes Thema in der Menschheitsgeschichte. Denn im Grunde geht es um nichts anderes als Schein und Sein. Das Ungeschminkte ist das Sein, so wie es ist, und der Schein, das, was man mit Manipulation, mit Hilfsmitteln zu erreichen gedenkt.

„Das hat mit Eitelkeit zu tun und ganz offensichtlich wird das, wenn das Schminkköfferchen im Englischen vanity case heißt, Eitelkeitsköfferchen …

Nun könnte man meinen, dass es nur die eine Seite gebe, nämlich die derer, die sich schminken, sich verschönern oder (ver-)ändern – oder für etwas anderes oder jemand anderen gehalten werden wollen.

„Die andere Seite ist aber die, dass es sehr wohl Menschen gibt, die diese Kunst des Schmückens (also die Ergebnisse von Kosmetik) gern sehen, die Gefallen daran finden. Denken Sie an den Clown, der nicht nur die Kinder erfreut, oder ans Theater oder den Film. Da ist Schminken unerlässlich, um den Schein herzustellen, dass die Schauspieler jemand anderes sind als sie selbst. Diejenigen, die für die Maske verantwortlich sind, sind wahre Künstler und es gibt sogar einen Oskar dafür. Und besonders augenfällig wird das, wenn man das englische Wort für Schminken hernimmt, das Make-up. Make up heißt unter anderem auch erfinden, etwas erschaffen, aber auch lügen … etwas erscheinen zu lassen, was eigentlich nicht da ist.
(Fortsetzung folgt)

Wendelinus Wurth


Info: Die Ausstellung der Gutacher Malerkolonie „ungeschminkt“ ist vom 15. September bis zum 27. Oktober 2019 im Kunstmuseum Hasemann-Liebich, Kirchstraße 4 in Gutach zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs, sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr. Weitere Informationen und Programm: www.kunstmuseum-hasemann-liebich.de

„Blick“, aus der Serie „Sichtverrückt“ von Beate Axmann