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Weg zur Simultankirche ist „ein offenes Abenteuer“

Die beiden christlichen Gemeinden in Gutach wollen künftig viel enger zusammenarbeiten. Über ihre Schritte in diese Richtung und die Möglichkeit einer Simultankirche berichteten Pfarrerin Marlene Schwöbel-Hug und Pfarrer Christoph Nobs in einem Pressegespräch. Bis vor 60 Jahren hatte Gutach eine Simultankirche – eine Kirche für evangelische und katholische Christen. Die katholische Kirche wurde erst 1960 eingeweiht.  Viel hat sich seither in der Ökumene getan.

Die Gutacher wollen nun das Rad nicht zurück, sondern viel weiter drehen. Denn es gehe ihnen längst nicht nur darum, aus finanzieller Not die Infrastruktur zusammenzulegen, sondern es gehe viel mehr um ihre Überzeugung, »als Christen gemeinsam in die Welt zu gehen«. Dies betonten Pfarrerin Marlene Schwöbel-Hug und Pfarrer Christoph Nobs gestern in einem Pressegespräch im Gutacher Pfarrhaus. Eine kostenfressende Doppelinfrastruktur allein sei noch kein Argument, es brauche eine ökumenische Gesamtperspektive, dann ziehe auch die Obrigkeit mit. Es gebe genügend Stellen in der Bibel, die das fordern, sagte die Pfarrerin, und ihr katholischer Kollege formulierte es drastischer: »Unsere Trennung ist blasphemisch, denn sie widerspricht dem Stifterwillen.« In der Bibel stehe »sie sollen eins sein, damit die Welt glaubt«. Wenn Christen »eins seien«, sei dies ein Beitrag zum Frieden, glaubt Nobs.

Noch sind die evangelische und die katholische Gemeinde ein ganzes Stück weit davon entfernt, eins zu sein, aber sie wollen sich gemeinsam auf den Weg dorthin machen. Dazu brauche es auch eine mutige Streitkultur, eine öffentliche Debatte auf »anständigem Niveau«. Ihre Prioritäten machen die beiden Geistlichen auch anhand ihrer Vorbereitungsgespräche deutlich. Zunächst habe man in einem ersten Treffen ein ökumenisches Konzept formuliert, dann sei es um die Inhalte gegangen und erst in einem dritten Treffen um die Struktur und die Finanzen. Am Dienstagabend, 23.07.2019 hatten sich die Pfarr- und Kirchengemeinderäte, Mitglieder der Gemeindeteams, der evangelische Dekan, der Verwaltungsamtschef des evangelischen Kirchenkreises, die Verwaltungschefin der katholischen Gemeinde und Bürgermeister Siegfried Eckert mit den beiden Geistlichen getroffen – auch der neue Gutacher Pfarrer Dominik Wille sei teilweise schon dabei gewesen.

Der Weg der Gemeinsamkeit sei nun nicht mehr umkehrbar. Aber beide Seiten wollen ihre Gemeinden transparent in die Diskussion mit einbeziehen. Nach den gewählten Gremien gelte es nun, den unterschiedlichen Gruppen in den Pfarreien die Hintergründe zu erklären. Für Februar ist dann eine von der Zivilgemeinde getragene Bürgerversammlung mit einem professionellen Moderator geplant. Man werde dort keine fix- und fertigen Beschlüsse vorlegen, aber bis dahin an einer ökumenischen Rahmenvereinbarung arbeiten.

Es sei in dieser Versammlung auch keine »Abstimmung« geplant, sondern vielmehr ein Meinungsbildungs- und Teilhabeprozess. Da könnten durchaus auch Vorschläge kommen, was mit den frei werdenden Gebäuden, der katholischen Kirche und dem katholischen Pfarrsaal passieren soll. Bürgermeister Siegfried Eckert habe bereits signalisiert, dass diese »weniger der Kirche als vielmehr den Gutachern gehören«. Erst sei bei vielen aber zunächst Trauerarbeit angesagt, so Christoph Nobs. Dass Menschen emotionale Bindung vordergründig am Kirchengebäude festmachen, sei verständlich. »Wir sehen, dass es Schmerzen gibt«, sagte Marlene Schwöbel-Hug. Man brauche auch ein Stück weit den guten Willen und das Vertrauen der Menschen, »dass es uns um etwas Gutes geht«.

Eine neue Qualität der Ökumene soll bereits ab September im amtlichen Mitteilungsblatt demonstriert werden. Dann gibt es keine getrennten katholischen und evangelischen Nachrichten mehr, sondern nur noch einen gemeinsamen ökumenischen Auftritt mit ökumenischen Veranstaltungen und Gottesdiensten, die grundsätzlich offen seien für alle. Hier seien auch die beiden Gemeinden in Hausach im Boot.

So ein gemeinsames kirchliches Wochenprogramm ziehe natürlich einen »organisatorischen Rattenschwanz« nach sich: Wer stellt die Logistik, das Personal, wie sind die Arbeitsstunden aufgeteilt, was wird wie finanziert? Da bekomme man erst eine Ahnung davon, welche Fragen zu bearbeiten sind und welche überregionale Ressorts mit eingebunden werden müssten, betonte Nobs. Man gehe da gemeinsam in ein »offenes Abenteuer«. Seine evangelische Kollegin fügte hinzu: »Das wir jetzt einfach mal wagen.

St. Peter und Paul:
Gab es bis ins 19. Jahrhundert nur wenige Katholiken in Gutach, so änderte sich dies nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie der Gutacher Chronist Ansgar Barth zum 50-jährigen Bestehen der Kirche St. Peter und Paul schrieb, stiftete der katholische Besitzer der Hammerschmiede Heinrich Neumayer das Gelände, auf dem 1958 der Grundstein für eine katholische Kirche der Diasporagemeinde gelegt wurde. 1960 wurde diese eingeweiht. Als Pfarrer Karl Schludi 1963 für Gutach verantwortlich wurde, gab es hier rund 250 Katholiken – bei seinem Weggang 1986 war die Zahl auf mehr als 600 angewachsen. Heute sind es 640 Christen, die der Katholischen Kirche und 1177, die der Evangelischen Kirche angehören.

Claudia Ramsteiner, Offenburger Tageblatt

Weg von der Kirchturmspolitik. Die Gutacher evangelische und katholische Gemeinden wollen enger zusammenarbeiten und im Zug dieser neuen Ökumene künftig eine »Simultankirche« – die jetzt evangelische (links) nutzen.